Rede von Dr. Peter, Gemeinderat Die Linke für die gemeinsame Fraktion Bürgerfreundliche Heimat (BfH)/ Die Linke am 1.Dezember 2009 zur Werkrealschule:

 


Herr Vorsitzender, sehr geehrte Damen und Herren!


Der Gemeinderat soll heute über die Einrichtung von zwei Werkrealschulen und die Abschaffung einer Hauptschule zum nächsten Schuljahr beschließen. Der Gemeinderat ist kein Ausführungsorgan der Landesregierung, sondern muss selbstständig prüfen, ob deren Beschlüsse dem Wohl der Bürger und Bürgerinnen dienen oder nicht. In dankenswerter Deutlichkeit haben die Landtagsabgeordneten Renate Raststätter und Ilka Neuenhaus für die Grünen und Rita Haller-Haid für die SPD dargelegt, warum man die Einführung von Werkrealschulen momentan nur ablehnen kann. Deshalb kann ich mich jetzt auf wenige Kernpunkte beschränken.

Selten ist den Gemeinden in den letzten Jahren etwas so Unausgegorenes wie das Konzept zu den Werkrealschulen vorgelegt worden.

Es ist in der Gemeinderatsvorlage schlichtweg falsch, dass ALLEN Hauptschülerinnen und Hauptschülern ein Zugang zur Werkrealschule eröffnet wird. Denn die SchülerInnen unterliegen nach der 9.Klasse einem INNEREN NUMERUS CLAUSUS und müssen in den Hauptfächern einen Notendurchschnitt von 3,0 vorweisen. Das kommt einer Benachteiligung gegenüber ihren Klassenkameraden in normalen Realschulen und den Gymnasien gleich und führt zu Notendruck und verschärfter Auslese an den WRS.

Es ist falsch, dass das pädagogische Konzept auch an einzügigen Hauptschulen verwirklicht wird. Ausdrücklich lässt das KuMi nur ZWEIZÜGIGKEIT bei WRS zu. Dagegen hat u.a. der Landesschülerrat heftig protestiert und auch einzügige WRS gefordert.

Es ist überhaupt falsch, momentan von einem pädagogischen Konzept für die WRS zu sprechen: Bis heute hat das KuMi für die Profilfächer der WRS, die die WRS ja erst wesentlich von bisherigen Hauptschulen unterscheiden, keinerlei Bildungsplan vorgelegt, geschweige denn: erprobt. Für den Start der WRS im nächsten Schuljahr müssten jetzt ca. 2.000 Lehrer ausgebildet werden, es gibt nicht einmal ein Fortbildungskonzept dafür. Das bedeutet, dass Hauptschüler zu Versuchskaninchen einer völlig undurchdachten Schulform gemacht werden, für deren Scheitern dann wie beim der Aufspaltung in Bachelor- und Masterstudiengänge hinterher Professoren und Studierende verantwortlich gemacht werden.

Hinzu kommt: Was passiert mit SchülerInnen, die NICHT auf die neue WRS gehen? Da die WRS eine Wahlschule ist, wird es weiterhin Hauptschulen geben. Für deren SchülerInnen gibt es keine einzige Fördermaßnahme des KuMi, sie werden durch die Einführung der WRS zu Verlierern abgestempelt, obwohl sie Förderung am allernötigsten hätten.

Offensichtlich geht es bei der Einführung der WRS im Schweinsgalopp bis zum 15. Dezember nicht um eine bessere Förderung von Schülern, sondern um Selektion, um die Schließung von landesweit 893 einzügigen Hauptschulen, um Einsparungen im Bildungsbereich und um die Verhinderung der längst überfälligen Reform des mehrgliedrigen Bildungssystems in BaWü, wie es der Hauptschulrektor Rudolf Bosch gestern im Interview mit der Südwestpresse noch einmal deutlich gemacht hat.


Werte Gemeinderäte, Herr Oberbürgermeister!


Am Freitag hat der Industrie- und Handelstag BaWü die Landesregierung scharf kritisiert, weil an den Berufsschulen bis zu 20 Prozent des Unterrichts ausfallen und dies das duale Bildungssystem in Frage stellt. Dabei plant das Kultusministerium einen Unterrichtsausfall von fast fünf Prozent von vornherein mit ein. Deshalb müssten auch die Interessenvertreter des Mittelstandes im Gemeinderat ein Interesse daran haben, dass sich die katastrophale Situation an den Berufsschulen durch das vorhersehbare Chaos mit den Werkrealschulen noch nicht weiter verschärft: Wie will das KuMi gewährleisten, dass die SchülerInnen der neuen WRS in der 10. Klasse mit Schülern aus anderen WRS jede Woche 15 Stunden Unterricht an diesen Berufsschulen erhalten, wenn es jetzt noch nicht einmal den seit Jahren bestehenden Unterrichtsausfall beseitigt – zum Schaden auch von Handwerk und Industrie? Ohnehin gibt es bis heute kein Konzept für die notwendige Kooperation zwischen WRS und Berufsschulen. Die „Patchworkklasse“ 10 zerreißt für die Jugendlichen wichtige soziale Bezüge, zu ihrem Wohnort, zu Freunden, zu Mitschülern und zu einer festen Klassengemeinschaft.

All das wird uns als große pädagogische Errungenschaft des 21. Jahrhunderts verkauft, mit der das mehrgliedrige Schulsystem in BaWü gerettet werden soll, nachdem die CDU in allen anderen Bundesländern längst den Forderungen nach längerem gemeinsamem Lernen nachgeben musste, letzte Beispiele sind Saarland und Thüringen.

Ich denke, der Gemeinderat Rottenburg kann es nicht verantworten, zum gegenwärtigen Zeitpunkt ein solch unausgegorenes und gerade für Hauptschüler schädliches Konzept zu beschließen. Er sollte sich den über 60 Gemeinderäten, den Schüler- und Lehrerverbänden und den 450 Grund- und Hauptschulrektoren anschließen, die die Bildungsoffensive der Landesregierung schlicht eine „bewusste Irreführung der Öffentlichkeit“ genannt und eine wirkliche Bildungsreform gefordert haben.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit!

 

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